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Persönliche Assistenz in Finnland

Eeva Airikkala im sitzt Rollstuhl. Sie hält einen Hund an der Leine.

Eeva Airikkala

Braucht der Weihnachtsmann Persönliche Assistenz? Manchmal ganz sicher und deshalb haben wir uns umgehört wie Menschen in seiner Heimat in Finnland mit Persönlicher Assistenz leben.

Ein Interview von Michaela Mallinger mit Eeva Airikkala

Wie ist Persönliche Assistenz in Finnland geregelt?

Persönliche Assistenz ist in Finnland durch Sozialhilfe und Sozialarbeiter geregelt. Ich z.B. habe 40 Stunden Persönliche Assistenz im Monat zur Verfügung. Ich benötige recht wenig Hilfe. Aber wenn man mehr braucht, bekommt man mehr. Das Problem ist, dass es stark variiert wie viele Stunden Persönliche Assistenz bewilligt werden. Es hängt von der Einschätzung der Sozialarbeiter ab.

Früher lebte ich in einer anderen Stadt bei meinen Eltern. Dort hat der Sozialhelfer entschieden, dass ich „nicht genug behindert sei“ um Persönliche Assistenz zu bekommen. Ich brauche aber Hilfe. In Helsinki habe ich dann 40 Stunden Persönliche Assistenz pro Monat bewilligt bekommen.

Sind die Gesetze oder die rechtliche Situation dafür verantwortlich?

Es ist die rechtliche Situation. Die Gesetze können unterschiedlich ausgelegt werden. Die Richtlinien in ganz Finnland sind gleich. Es gibt nur einen relativ großen Interpretationsspielraum.

Hat jeder Mensch mit Behinderung ein Recht auf Persönliche Assistenz?

Ja. Die Persönliche Assistenz hängt nicht von der Behinderung ab, sondern von den Bedürfnissen der Personen.

Die Sozialarbeiter entscheiden, ob Persönliche Assistenz notwendig oder berechtigt ist. Wenn es Dinge gibt, die man aufgrund der Behinderung nicht tun kann, aber diese Dinge durch Persönliche Assistenz ermöglicht werden würden, dann steht uns Persönliche Assistenz zu.

Wie wird Persönliche Assistenz in Finnland organisiert?

Es gibt drei Möglichkeiten:

  1. Die behinderte Person tritt als Unternehmer_in auf. Sie erhält das bewilligte Geld vom Staat. Damit sucht sie selbst ihre Persönlichen Assistent_innen, plant die Stunden und stellt die Persönlichen Assistent_innen an. Der Stundenlohn ist gesetzlich geregelt. Das ist das Modell, das am häufigsten verwendet wird.
  2. Die Stadt stellt Persönliche Assistenz bereit und entscheidet wer kommt.
  3. Gutscheinsystem: Es gibt Gutscheine, die bei bestimmten Organisationen oder Unternehmen eingelöst werden können. Diese Organisationen haben eigenes Personal. Dann kann man sich die Personen nicht aussuchen.

Welche Variante man wählt, kann man selbst entscheiden. Die meisten Leute treten selbst als Unternehmer_innen auf und suchen selbst mit Inseraten nach Persönlichen Assistent_innen.

Wer leistet in Finnland Persönliche Assistenz?

Die Persönlichen Assistent_innen in Finnland sind meist Student_innen. Die Bezahlung ist nicht sehr gut. Doch ist es ein perfekter Studentenjob.

Gibt es in Finnland auch Institutionen in denen behinderte Menschen leben?

Ja. Es gibt z. B. Studentenheime wo behinderte und nichtbehinderte Personen leben. Dort gibt es das Angebot einer 24stunden-Hilfe. Wer Unterstützung braucht kann läuten. Dann kommt jemand. Die Leute leben dort sehr unabhängig.

Daneben gibt es auch Wohngemeinschaften für behinderte Menschen.

In Finnland ist es wirklich wichtig den Respekt und das Recht auf Selbstbestimmung zu waren. Natürlich gibt es auch Probleme. Aber vom Gesetz her ist es sehr klar formuliert.

Wie organisieren Sie Persönliche Assistenz während Ihres Aufenthaltes in Österreich?

Grenzenlos hat das für mich organisiert. Es ist alles sehr gut vorbereitet worden. Es funktioniert gut. Ich habe zwei Persönliche Asssistent_innen. Damit habe ich die Sicherheit, dass ich auch Unterstützung habe, falls jemand kurzfristig ausfällt. Bezahlt wird die Persönliche Assistenz vom Erasmusbüro.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Persönlicher Assistenz?

Auch wenn ich 40 Stunden Persönliche Assistenz bewilligt bekommen habe, habe ich sie in Finnland nicht verwendet.

Ich war bei einem Workshop über Beziehung und Persönliche Assistenz von Patrizia Kubanek in der WAG Assistenzgenossenschaft. Dort habe ich darüber erzählt, dass ich in Finnland keine Persönliche Assistenz mehr hatte, seit ich aus der Schule kam. Damals war die Schule nicht barrierefrei.

Als ich von zu Hause auszog habe ich Unterstützung von Freunden und von meiner Mutter bekommen. Ich war so daran gewöhnt meine Dinge auf diesem schwierigen Weg zu erledigen, dass ich gar nicht wusste, was ich mit den 40 Stunden machen sollte.

Nach dem Workshop in der WAG Assistenzgenossenschaft habe ich darüber nachgedacht, dass es z.B. im Haushalt viel einfacher wäre mit Persönlicher Assistenz zu leben. Die Persönliche Assistenz ist doppelt so schnell und außerdem muss ich nicht meinen Partner bitten zum Beispiel das Geschirr abzuwaschen. Er ist zwar davon überzeugt, dass er die Dinge erledigt, die ich nicht kann. Aber ich bin es leid ihn immer um viele Dinge fragen und bitten zu müssen.

Eine Freundin von mir in Finnland hat ein Baby und lebt mit Persönlicher Assistenz. Sie ist Rollstuhlfahrerin. Es ist schön zu sehen, wie gut sie Persönliche Assistenz mit dem Familienleben vereinbart. Die Persönliche Assistentin hilft ihr beim Kochen und arbeitet z.B. mit ihrem Mann in der Küche. Während die Persönliche Assistentin Salat macht kann sich meine Freundin um das Baby kümmern. Oder die Persönliche Assistentin hebt das Baby vom Boden auf und meine Freundin legt es dann ins Bettchen. So macht die Persönliche Assistentin nicht die Sachen für meine Freundin, sondern tut nur den ersten Schritt, damit sie es selber machen kann. Das hat mir sehr gut gefallen.

Zur Person

Eeva Airikkala ist studierte Sozialarbeiterin und Rollstuhlnutzerin. Im Rahmen von Grenzenlos hat sie ein Semester lang in Österreich gearbeitet.