Karriere mit PAA

Die Richtlinie für Persönliche Assistenz am Arbeitsplatz ist 2004 in Kraft getreten. Sie macht Erfolgsgeschichten möglich. Wir stellen deshalb unter dem Motto „Eine Richtlinie macht Karriere“ Persönlichkeiten vor, die ihr Leben mit Persönlicher Assistenz am Arbeitsplatz in die Hand genommen haben und ihre Frau und ihren Mann im Arbeitsleben stehen oder sitzen.

Der Schlüssel zu besserer Bildung

Frau im Rollstuhl. Dahinter die Gebäude der Wirtschaftsuniversität Wien.

©Privat

Carolina C. studiert Wirtschaftsrecht. Sie ist Rollstuhlfahrerin und nutzt Persönliche Assistenz schon seit ihrem zehnten Lebensjahr. Zuerst in der Schule und jetzt für das Studium und im restlichen Alltag. Neben dem Studium hat sie auch schon Berufserfahrung in Praktika gesammelt. 

PAA im Universitätsalltag

„Der Unialltag wäre ohne PAA nicht zu bewältigen. „Die Persönliche Assistentin begleitet mich bei dem Hin- und Rückweg zur Uni. Sie hilft mir bei Handreichungen wie beispielsweise die Bücher aufzuschlagen, Stifte zu öffnen etc. Außerdem schreibt sie in Vorlesungen manchmal für mich mit.“, erzählt die Studentin.

Damit ist Persönliche Assistenz am Arbeitsplatz (PAA) der Schlüssel zu mehr Bildung und besseren Chancen am Arbeitsmarkt. „Sie ermöglicht mir den Besuch einer Universität und somit eine bessere Ausbildung.“, schildert Carolina C. Ein selbstbestimmter Unialltag wird durch PAA Realität.

Doch es läuft nicht immer alles wie am Schnürchen, erzählt sie. „Die Herausforderung des Studierens mit PAA ist ein verlässliches und eingespieltes Assistenzteam zu haben, falls es z.B. zu einem kurzfristigen, krankheitsbedingten Ausfall kommt. Dann muss eine Persönliche Assistentin einspringen. Damit ich keine Vorlesungen oder Prüfungen versäume. Außerdem bedarf es auf meiner Uni eines Genehmigungsprozesses, damit die Persönliche Assistenz bei Prüfungen anwesend sein darf.„

Leben gestalten

Ohne PAA würde sich der Lebensweg von Carolina C. völlig anders gestalten (müssen). „Ohne der PAA wäre es mir nicht möglich zu studieren und ein selbständiges Leben zu führen.“, macht sie klar. Die junge Frau nutzt neben der PAA für das Studium auch Persönliche Assistenz über die Pflegegeld-Ergänzungsleistung des Fonds Soziales Wien. Damit kann sie auch ihren Freizeitaktivitäten mit Persönlicher Assistenz nachgehen und selbstbestimmt gestalten. „Ich bin begeisterte E-Rolli Fußball Spielerin und war schon mit dem Nationalteam international unterwegs. Außerdem besuche ich gerne Konzerte, gehe oft ins Kino und treffe meine Freunde.“ Sie hat auch vor mit Persönlicher Assistenz neue Länder und Städte zu erkunden. Ihr Plan für ihre Zukunft ist der Wunsch alleine mit Hilfe von Persönlicher Assistenz in einer eigenen Wohnung leben zu können.

Jung und selbstbestimmt

„Zukünftig soll es Menschen mit Behinderung österreichweit möglich sein, je nach Bedarf ein ausreichendes Maß von Stunden für Persönliche Assistenz zu bekommen. Sodass es ausreichend Persönliche Assistenz gibt, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen.“, wünscht sich Carolina C. In der Freizeit reichen oft die bewilligten Stunden nicht aus, erklärt sie. Aus eigener Erfahrung kann sie berichten, dass es wichtig wäre, dass ganzheitliche Persönliche Assistenz nicht erst ab 18 Jahren möglich ist. Damit auch junge Menschen mit Freund:innen und Schulkolleg:innen ohne Eltern etwas unternehmen können.

Mit PAA auf die Bretter die die Welt bedeuten

Lachende Frau mit kurzem Haar sitzt auf einer Bühne. Sie ist mit schwarzen Schuhen, schwarzer Strumpfhose und schwarzen, langärmeligen Top mit rosa Elementen bekleidet.

©TimTom

„Persönliche Assistenz unterstützt mich, wo wann und wie ich will und genau von der Person, die ich mir aussuche. Diese Assistenz macht mich unabhängig vom Goodwill anderer Personen und dadurch wird Begegnung auf Augenhöhe möglich.“,  schildert Elisabeth Löffler.

Sie arbeitet als Performancekünstlerin im Tanz- und Theaterbereich und ist auch als Lebens- und Sozialberaterin tätig. Die Persönlichen Assistent:innen unterstützen sie z.B. bei den Vorbereitungen des Materials bei Mediationen, Coachings und Workshops. Diese unterschiedlichen Workshops umfassen Sensiblisierungsworkshops für Menschen ohne Behinderung als auch Peer oder Empowerment-Workshops für Menschen mit Behinderungen in der Erwachsenenbildung und in Schulen.

Was PAA ist

Sowohl in der Beratungsarbeit als auch in der künstlerischen Tätigkeit ist die Unterstützung und Begleitung zum und vom Arbeitsort essentiell. „Um mich vor den Aufführungen, unabhängig von der Unterstützung meiner Kolleg:innen zurückziehen und vorbereiten zu können, ist PAA unverzichtbar.“, erzählt die Künstlerin. „Ich werde aufgrund der mobilen und persönlichen Unabhängigkeit durch PAA öfters zu Events- und Festivals eingeladen, als dies ohne PAA der Fall wäre.“, ist Elisabeth Löffler überzeugt.

In den seltensten Fällen sind Auftrittsorte barrierefrei zugänglich. Weder im Theater selbst noch hinter der Bühne. Auch die Barrierefreiheit von Proberäumen, Künstler:innen Garderoben und die Nutzung der Sanitäranlagen ist in den seltensten Fällen gegeben. Auch deshalb ist Persönliche Assistenz am Arbeitsplatz entscheidend. Das gilt vor allem auf Tourneen mit Auftrittsorten im In- und Ausland.

Sowohl in der Kunst als auch in der Beratungsarbeit ist der persönliche Austausch mit Kolleginnen und Kollegen ein wesentlicher Bestandteil. Das dieser Austausch, auf Augenhöhe stattfinden kann, also auch Meinungsverschiedenheiten möglich sind, ist durch die Persönliche Assistenz am Arbeitsplatz möglich.

Sich in der Arbeit verwirklichen

„Das Beste an PAA ist, dass ich durch die PAA die Arbeit machen kann, die ich immer machen wollte.“ erklärt Elisabeth Löffler. „Wichtig ist natürlich auch, dass mir dadurch finanzielle Unabhängigkeit ermöglicht wird und ich für andere Menschen mit Behinderung als Role-Model wirken kann.“, erklärt sie.

Hürden im Leben mit PAA

Aufmerksam geworden auf PAA ist Elisabeth Löffler durch eine Sozialarbeiterin vor über 20 Jahren. Das Leben mit Persönlicher Assistenz bringt auch Herausforderungen mit sich. Z.B., dass sich die Beraterin und Künstlerin immer wieder selbst und ihre Arbeit erklären muss. Ermüdend ist auch, dass Anträge auf Finanzierung der Persönlichen Assistenz regelmäßig gestellt werden müssen. Der Druck durch selbständige Arbeit einen Mindestumsatz zu erzielen, der PAA dann erst rechtfertigt, ist hoch.

Was die Zukunft braucht

Elisabeth Löffler hofft, dass Persönliche Assistenz für alle Menschen mit Behinderung in ganz Österreich bedarfsgerecht, behinderungs- und einkommensunabhängig und   österreichweit gewährt wird.  Und dass es -lieber Gestern als Morgen – ein Recht auf Persönliche Assistenz gibt, und somit Assistenz in allen Lebensbereichen gewährt und gewahrt wird.

Mit PAA in die Forschung

Kristof Meixner arbeitet seit 2018 als Projektassistent, Doktorand und Forscher am „Christian Doppler Labor für die Verbesserung von Sicherheit und Qualität in Produktionssystemen“. Er schloss das Masterstudium Wirtschaftsinformatik ab und war als Tutor und Software Entwickler tätig.

Nachdem Kristof Meixner seine Behinderung erworben hatte und seither auf den Rollstuhl angewiesen ist, war es sein Wunsch das Studium abzuschließen. Da er im Burgenland wohnt, war die Unterstützung durch Tutoren der TU Wien für Studierende mit Behinderung nicht ausreichend. Diese konnten nur Hilfe am Campus anbieten.

 

Flexibel durch den Arbeitsalltag

„Durch eine Freundin wurde ich auf die Möglichkeit der PAA für mein Studium und in weiterer Folge für die Arbeit aufmerksam. Die Persönlichen Assistent:innen begleiten mich auch am Arbeitsweg, was für mich eine Voraussetzung ist, um die Arbeit zu erreichen.“, erzählt der TU-Absolvent. Wechselnde Arbeitszeiten, Arbeitsorte und Dienstreisen sind für ihn Arbeitsalltag und wären ohne Persönliche Assistenz am Arbeitsplatz nicht zu bewältigen. PAA erlaubt es ihm, sich selbstständig zu bewegen und sich zu organisieren. Das schafft Unabhängigkeit und Flexibilität.  Sicherheit im Notfall bringen Vertretungsassistent:innen, der WAG.

Herausforderungen

Der Einstieg in das Leben mit Persönlicher Assistenz war herausfordernd. Der Wirtschaftsinformatiker musste lernen, sich auf neue Personen einzustellen, Wünsche und Bedürfnisse zu formulieren und auch den neu erworbenen, größeren Aktionsradius zu nutzen.

Burgenland braucht PA für den restlichen Alltag

„PAA hat es mir ermöglicht in meiner Arbeit unabhängig und erfolgreich zu sein. Da ich im Burgenland wohne, wo keine Persönliche Assistenz außerhalb der Arbeit möglich ist, fehlt mir diese ganz besonders in privaten Bereich. Ich würde Persönliche Assistenz benötigen, um Ausgleich zu meiner geistigen Arbeit zu finden und um Zeiten zu überbrücken in denen es schwer ist Unterstützung zu organisieren.“, stellt Meixner fest.

Erfolgreich mit PAA

Kristof Meixner ist es mit PAA gelungen, sichtbar zu machen, dass Menschen mit Behinderung mit unabhängiger Hilfe ein wertvoller Teil der Arbeitsgemeinschaft und Gesellschaft sein können. Ganz persönlich ist für ihn das Beste an PAA, dass er seiner Arbeit nachgehen und an internationalen Konferenzen teilnehmen kann.

Der eigene Chef sein mit Persönlicher Assistenz

Lächelnder Mann mit schwarzer BrilleEduard Holubarz betreibt seit 1994 eine Trafik. Es war immer schon sein Wunsch, selbständig und damit sein eigener Chef zu sein. Viele Jahre führte er die Trafik gemeinsam mit seiner Frau. Da er bei etlichen Tätigkeiten Unterstützung braucht. Seit 9 Jahren nutzt der Trafikant Persönliche Assistenz am Arbeitsplatz (PAA). Seither kann er als blinder Mensch selbständig das Geschäft führen. Seine Frau geht beruflich andere Wege. Jetzt ist Geschäft wirklich nur noch Geschäft. Zu seinen umfangreichen Aufgaben gehören Einkauf, Buchhaltung, Kontrolle, Personalwesen, Bestellungen, Verhandlungen, u.v.m.

Am Anfang standen Befürchtungen

Durch einen Freund erfuhr Holubarz von Persönlicher Assistenz am Arbeitsplatz. Er hatte große Bedenken und fürchtete, dass die Kund:innen, Verkaufspersonal oder Behördenmitarbeiter:innen nicht mit ihm sondern mit den Persönlichen Assistent:innen reden würden. Doch die Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet. Holubarz hat gelernt, das eigene Geschäft selbständig und selbstbestimmt zu führen, ohne Familienmitglieder zu belasten, erzählt er. Sein Wunsch war es seine Frau vom Druck gemeinsam ein Geschäft zu führen, zu befreien. Das ist mit PAA gelungen.

PAA und Kaffee schwarz ohne Zucker

Was Holubarz am Assistenzmodell besonders schätzt, ist die Entscheidungsfreiheit, wen Mann oder Frau als Persönliche:r Assistent:in beschäftigen möchte. Die Zusammenarbeit muss natürlich auch für die Persönlichen Assistent:innen passen. Dass nach einer längeren Zusammenarbeit die Persönlichen Assistent:innen ein Bewusstsein für alltägliche Tätigkeiten entwickeln, dass viele Dinge zu Selbstverständlichkeiten werden, ist ebenso sehr hilfreich. Dazu gehören Kleinigkeiten wie z.B. Kaffee schwarz und ungesüßt oder beim Gehen zum Auto automatisch zum Beifahrersitz begleiten und die Stiegen dem Aufzug vorziehen etc. Vom Angebot der WAG – Assistenzgenossenschaft ist Holubarz überzeugt, weil für ihn die Beratung durch selbst betroffene Berater:innen eine große Qualität darstellt. Persönliche Assistenz hat sein Leben verändert. Deshalb engagiert er sich auch als ehrenamtlicher Aufsichtsrat in der WAG.

Blick in die Zukunft

Verbesserungsbedarf sieht der erfahrene Trafikant vor allem in der Dienstplangestaltung. Flexiblere und einfachere Möglichkeiten Dienstzeiten nach Bedarf zu ändern wären wichtig.

Was sich Holubarz für die Zukunft wünscht ist, sein Geschäft bis zur Pension erfolgreich mit Hilfe von PAA zu führen, ohne Familienmitglieder um Hilfe bitten zu müssen. Die Erfahrung hat ihm gezeigt, dass es sehr wichtig ist, Privatleben und Arbeit zu trennen. Die Unabhängigkeit, die er durch PAA erreicht hat möchte er nicht mehr missen.

Von der „Leistungsempfängerin“ zur Steuerzahlerin

Eine blonde kurzhaarige Frau im Rollstuhl sitzt mit einer langhaarigen Fraun mit Brille an einem Schreibtisch. Die Frau mit Brille schreibt in ein Buch.Das tollste an Persönlicher Assistenz ist, dass ich arbeiten kann.“, stellt Katharina Praniess kurz und prägnant fest. Sie arbeitet seit einem Jahr als Beraterin in der WAG – Assistenzgenossenschaft. 

Persönliche Assistenz am Arbeitsplatz ist für Katharina Praniess unverzichtbar und ganz und gar nicht ungewöhnlich. Sie ist mit Persönlicher Assistenz in der Schule groß geworden. Deshalb gab es im Vorfeld auch keinerlei Vorbehalte oder Ängste gegenüber der Persönlichen Assistenz.

Die junge Beraterin wollte immer mit Menschen arbeiten und diese unterstützen. Sie hat das Psychologiestudium abgeschlossen. Jetzt begleitet sie Kund:innen vom Erstgespräch bis hin zur Antragstellung und darüber hinaus. Zum Arbeitsalltag gehören u.a. Beratungsgespräche, Hilfe beim Ermitteln des Assistenzbedarfes, Begleitung von Vorstellungsgesprächen von Bewerber:innen bei Kund:innen und die Dokumentation ihrer Arbeit.

Die Persönlichen Assistent:innen begleiten Katharina Praniess am Arbeitsweg, übernehmen das Tippen oder unterstützen sie in den Pausen beim Essen oder am WC.

Damit hat sie die Möglichkeit, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten. „Durch Persönliche Assistenz am Arbeitsplatz hatte ich die Möglichkeit eine Ausbildung mit Matura und Studium zu absolvieren. Das bildet eine gute Grundlage für meine berufliche Tätigkeit. Jetzt kann ich am Arbeitsleben teilhaben und für meine finanzielle Absicherung sorgen. Ich kann zeigen, was ich kann und werde von einer Leistungsempfängerin zur Steuerzahlerin. Damit leiste ich einen Beitrag zum Allgemeinwohl.“, fasst Praniess zusammen.

Was sich die Beraterin noch wünschen würde ist, dass Persönliche Assistenz am Arbeitsplatz auch im Krankenstand und für Reha-Aufenthalte in Anspruch genommen werden darf. „Das würde das Leben für viele behinderte Menschen erleichtern.“, meint sie.

Zukünftig hat die engagierte Frau vor, sich beruflich weiterzubilden und weiterzuentwickeln. Persönliche Assistenz wird sie dabei begleiten.